Orna Ralston

Mit Klang heilen

Orna Ralston wollte einfach nur singen. Doch ihre Bestimmung führte sie zum Schamanismus. Heute nutzt die in Basel lebende Bündnerin ihre Stimme, um zu heilen und Blockaden in Menschen zu lö­ sen. Ihre jüngste, wunderschöne CD «Me­ dicine of Voice» führt viele Yogaschüler während der Praxis tief nach innen. Text: Karin Reber

«Ich praktiziere keinen Yoga», sagt Orna Ralston zu Beginn unseres Gesprächs in ihrem reizenden Reihenhäuschen in einem Quartier am Stadt­rand von Basel. Um gleich anzufügen: «Meine erste ernst­ hafte Erfahrung mit dem Schamanismus machte ich mit Yoga.» Sie war Mitte 30, als sie verschiedene Schamanen zu treffen begann. Eine Schamanin aus Russland, der sie an einer Messe zufällig begegnete, erkannte in der Musi­ kerin eine Gabe, welche sie selber noch nicht wahrhaben wollte. Die Schamanin kam zu ihr nach Hause und for­ derte sie nach einem Gespräch auf, eine «kosmische Übung» in schneller Abfolge durchzuführen. Dazwischen musste Orna Ralston heisses Wasser trinken, um nicht von innen her zu verbrennen. Eine enge Freundin und Yogalehrerin, die bei dem Treffen dabei war, sagte ihr spä­ ter, es habe sich um eine Geheimübung des Yoga gehan­ delt. Aus dem Himalaya oder Tibet. Mit dieser inneren Hitze ist Orna Ralston inzwischen bestens vertraut: «Wenn ich arbeite, entsteht Hitze – es geht um Heilung.» Doch damals wusste sie nicht, wie ihr geschah. «Ich wollte nie Schamanin werden.»


Kunst wurde grossgeschrieben


Musik hingegen war von klein auf ihre grosse Leidenschaft. In einem Elternhaus aufgewachsen, in dem der Kunst viel Platz eingeräumt wurde – ihr Vater Robert Ralston ist Ma­ ler und Bildhauer –, konnte sie ihre künstlerische Talente ausleben: tanzen, singen, zeichnen, Theater spielen. Nach der Schule forderte ihr Papa Orna auf, sich auf eines ihrer Talente zu fokussieren. Der Entscheid fiel ihr schwer, bis ihre Stimme drei Wochen lang wegblieb. In ihrer Verzweif­ lung schickte sie ein Gebet zum Himmel und versprach, Sängerin zu werden, wenn ihre Stimme zurückkomme. Am nächsten Morgen war ihre Stimme wieder da. Seither ist Orna Ralston mit Gesang, Klang und der heilenden Wirkung von Schwingungen und deren Resonanz unter­ wegs.

Anstatt das Konservatorium zu besuchen und eine Aus­ bildung zur Opernsängerin zu machen, hörte sie auf die Stimme einer alten Frau in ihrem Innern, die sie seit der Kindheit begleitete und sich als geistige Lehrerin entpuppte: «Sie sagte mir, falls ich diesen traditionellen Weg

einschlage, könne sie mir eine speziel­le Form vom Umgang mit der Stimme nicht beibringen. Falls ich mich von ihr ausbilden lasse, würde sie mir et­was beibringen, das ich später andern weitergeben könne, das weit über das übliche Singen hin­ ausgehe.» Sie wisse nicht, wieso sie dieser Stimme gefolgt sei, erzählt Orna Ralston. «Ich weiss nur, dass ich diese Entscheidung nie bereut habe.» Auch wenn sie mit nie­ mandem habe darüber sprechen können.

«Mein Talent, solche Stimmen wahrzunehmen, meine starke Intuition so klar zu spüren, verwirrte und be­ schämte mich lange», erzählt sie. Sie vergleicht ihr Erleb­ nis mit Nahtoderfahrungen. Es sei noch nicht lange her, dass diese Erfahrungen mit einem Tabu belegt gewesen seien.


Aktiv in der Schweizer Musikszene


Die junge Musikerin begann, öffentlich aufzutreten, in Musikformationen mitzumachen und eigene Projekte auf die Beine zu stellen. 17 Jahre lang war sie erfolgreich in der schweizer Musikszene unterwegs. In dieser Zeit erschien ihre erste CD «Something to touch». Sie genoss ihre Auftritte, die Wirkung der Musik auf ihr Publikum. Zugleich spürte sie immer deutlicher, dass sie nicht so weiterleben konnte: Die Kriterien Verkaufbarkeit und Radiotauglich­keit, die vielen Reisen – unter anderm mit Dodo Hug nach China – wurden ihr zu viel. «Ich liebte die Musik, doch alles drum herum beschwerte mich.»

Orna Ralston wurde sehr krank, stand gesundheitlich, emotional und mit ihrer Musik auf der Kippe. In dieser tiefen Krise traf sie die neuseeländische Schamanin und Heilerin Wai Turora Morgan. «Wai zu treffen war ein grosses Glück», sagt sie heute. Und: «Wenn es mir nicht so schlecht gegangen wäre, wäre ich niemals an dieses Se­ minar von ihr nach Deutschland gereist.»

Schamanische Energie


«Weisst du, dass du schamanische Energien in dir trägst?», fragte Wai Turora Morgan sie nach ihrem Zusammen­ bruch im Seminar. Dreimal musste die Schamanin diese Aussage wiederholen, bevor Orna Ralston bereit war, si

auf einen langjährigen Prozess einzulassen, um ihre Beru­ fung nach und nach anzunehmen. Sie hatte schon vorher viele Hinweise bekommen, diese aber nie verstanden. «In unserer Kultur kennt man den Schamanismus kaum. Ich wusste lange nicht, was ich in mir trage.» Ihre neue Lehrerin gab ihr nun keine Möglichkeit mehr auszu­ weichen.

Während sieben Jahren reiste sie als Schülerin und As­ sistentin mit Wai Turora Morgan um die Welt. Schon am ersten Tag sagte ihre Lehrerin: «Du musst nicht dasitzen und lernen, in­ indem du lehrst», und übergab ihr die Hälfte der Gruppe. Damit machte sie der Schülerin gleich klar, dass sie das Wissen über Schamanismus nicht draussen, sondern in sich in­ nen finden würde. Schon bald lehrte sie gleichwertig an der Seite von Wai. Doch selbst dann brachte sie es nicht über die Lippen, sich als Schamanin zu bezeichnen.

«Bis heute versuche ich zu verstehen, was eine Scha­ manin sein bedeutet», sagt Orna Ralston. Klar sei, dass Schamanen bodenständig arbeiten. «Wir fliegen nicht auf einem Besen und schauen den Mond an. Es geht um die Verbindung zum Universum. Wir arbeiten mit der Energie des Universums.» Es sei wichtig, in der Gesell­ schaft einen Platz einzunehmen, der zwischen Himmel und Erde vermittle. Sich zu trauen, dieses Talent zu leben.


432Hertz


Zwei Jahre nach ihrem Zusammenbruch kam die Musik durch die Hintertüre in ihr Leben zurück. Ihre Lehrerin Wai forderte sie in den Seminaren oft zum Singen auf – für Trancen ebenso wie für traurige oder fröhliche Mo­ mente. So entstand ihre CD «A Shaman’s Journey», die mit 432 Hertz anstatt den üblichen 440 Hertz aufgenom­ men wurde. Diese Frequenz entspreche uns viel mehr, sagt die Musikerin. Deshalb eignen sich die Lieder, um

beim Yogapraktizieren oder Meditie­ ren tief nach innen zu gehen.

Inzwischen weiss die 48­Jährige, dass sie die Gabe hat, mit Singen zu heilen. Mit ihrer Musik holt sie den

Schmerz hoch, damit dieser verarbeitet werden kann. Sie nehme viel wahr, habe das immer schon getan. «Deshalb habe ich Zugang zu allem, was von einer Person erlebt wurde, die bei mir in Behandlung ist.» Wenn sie arbeitet, geht sie bewusst in die tiefe Verbindung mit dem Gegen­ über. Das geschieht durch Klang, Gespräch und Berührung.

Orna Ralston mag keinen Yoga praktizieren, wenn man diesen auf die Asanas beschränkt. Doch mit ihrer Arbeit tut sie das Gleiche, was in einer ganzheitlichen Yogapraxis entsteht: sie öffnet innere Räume und ermöglicht Men­ schen damit, nach innen zu gehen und mehr bei sich an­ zukommen. Kein Wunder, sang sie an der Eröffnung der Lotos Schule in Zürich und werden ihre CDs oft in Yo­gastunden abgespielt.

Mit sieben Schamanen -Kolleginnen und -Kollegen sowie Assistentinnen an den «Shamanic Teachings» Holland

Konzert am Stimmen Festival Lörrach vor einer Wasserklang-Projektion von Alexander Lauterwasser.