ORNARALSTON

Ich frage mich manchmal, warum es so besonders sein soll, ein Talent zu haben. Ich kann  ja nichts dafür, dass es in mir ist. Und wenn ich so um mich schaue, dann sehe ich niemanden, der keinerlei Talent hat. Wofür ich aber viel kann, ist, dieses Talent zu leben, es zu fördern und es eventuell damit zur Meisterschaft zu bringen.

Während ich als Kind meine Dinge verschenkte oder wegwarf, wenn ich sie nicht mehr brauchte, verkaufte mein Bruder seine Sachen an Freunde, Bekannte oder Verwandte. Dies ist ein ganz offensichtlich kaufmännisches Talent und es war etwas, womit man etwas hätte anfangen können. Ich komme aber aus einer künstlerischen Familie, und so waren kreative Talente die Rohdiamanten, nach denen man bei uns suchte.

Es gibt Talente, die machen Angst. Ich treffe nicht selten auf Menschen, die sich fürchten, dass etwas mit ihnen nicht stimmt. Sie berichten von Dingen, die sie spüren, sehen oder hören. Von Lichtern, die herumflitzen. Einmal erzählte mir eine Biologin verschämt davon, einem Naturgeist begegnet zu sein. Einfach so. Sie war in der Uni an einem Experiment, und da stand plötzlich eine Art Zwerg vor ihr. Sie kniff die Augen zu, als wäre ihr Blickfeld verschmutzt und sie brauche nur die Scheiben zu wischen, damit die Erscheinung weggehe. Der Geist verschwand aber nicht. Er blieb sogar mehrere Tage bei ihr.

Wenn man so etwas erlebt hat, gibt es nicht viel zu diskutieren. Man macht die Erfahrung, und dann sucht man andere, die hoffentlich auch etwas in der Art erlebt haben. Naturgeister wahrnehmen, kann in der heutzutage ein ganz schön beschämendes Talent sein...

Vor nicht allzu langer Zeit war es noch sehr beschämend, eine Nahtoderfahrung zu machen. Die Sache war derart mit einem Tabu belegt, dass man sich nicht mal traute, jemandem davon zu erzählen. Ähnlich ist es mit Hellhören, Hellsehen und Hellspüren. «Hey Leute, wo ist das Problem?», möchte ich rufen, «Das ist eine Gabe wie das Talent zur Malerei oder zur Musik. Fast alle Menschen können das mehr oder weniger gut. Es gehört zu unserer Grundausstattung und ist nichts Besonderes. Viele kennen das: Man denkt, man sollte wieder mal X oder Y anrufen. Das Telephon klingelt und diese X oder Y ist am andern Ende der Leitung.»

Ich wäre froh gewesen, hätte mir jemand diese Worte zugerufen. Mir war lange nicht klar, dass die Art, wie ich die Welt wahrnehme, ziemlich anders ist, als die übliche und verbreitete Art der Wahrnehmung. Ich dachte, alle würden zwischen den Zeilen hören können und den Körper um den Körper herum fühlen. Ich dachte, allen sei Wissen zugänglich, ohne zu denken. Ich kann mich sogar an eine Zeit erinnern, wo ich nur mit einem kurzen Satz antwortete auf die Frage, wie es mir gehe. Weil ich annahm, mein Gegenüber nehme den Rest ohnehin wahr. Wozu lange berichten, da die Geschichten der Menschen ohnehin aus den Poren sprechen, sie in ihren Augen zu sehen sind und gut sichtbar zwischen den Zeilen stehen? Das musste für andere doch auch bei mir ablesbar sein.

Meine Mutter erzählte mir vor zwei Jahren, dass ich als Kind gelegentlich nach Hause kam und enttäuscht oder verärgert fragte, warum die Leute so schamlos lügten. Ob ich bei denen den Eindruck erwecke, vollkommen blöd zu sein. Heute weiss ich, dass alles ein wenig anders ist. Blöd ist nur, sein Talent nicht zu kennen oder es nicht zu leben.


Veröffentlicht im Magazin Spuren Frühling 2012

TALENT