Krank sein erlaubt

In meiner Arbeit begegne ich vielen Menschen, die aus irgendwelchen Gründen aus dem Gleichgewicht geraten sind. Mal bringt ein schmerzendes Knie jemanden zu mir, mal ein gebrochenes Herz, mal ein Gefühl, dass das Leben an einem vorbeizieht und man das Wesentliche verpasst. Mal ist es dies und mal ist es das. Mich berührt seit langem, wie viele äussern, dass sie sich für ihr Leiden

schuldig fühlen. Eine Klientin hat es letzthin klar ausge-sprochen: „Können Sie mir bitte sagen, was ich falsch gemacht habe?“


Für mich ist jeder Mensch ein Mysterium. Wenn jemand mir erlaubt ihn oder sie zu begleiten, begleite ich immer eine ganze Welt. Es gibt ja so viele Gründe, warum etwas schmerzen kann. Es kann eine Lebensführung sein, die in Disharmonie geraten ist. Es kann vererbt sein und sich erst jetzt bemerkbar machen. Es kann eine Innere oder äussere Fehlhaltung sein. Es kann eine gespeicherte

Erinnerung oder eine Antwort aus einem letzten Leben sein. Es kann ein Fluch sein, der auf einem lastet. Es kann eine körperliche, geistige und/ oder emotionale Vergiftung sein. Ich könnte noch sehr viele Gründe aufzählen, warum jemand krank wird, und hoffe, diese kleine Liste gibt eine Ahnung davon, wie komplex Gesundheit ist.


Es gibt aber auch Menschen, die ein bärenstarkes körperliches, geistiges oder/ und emotionales Immunsystem haben. Bei denen macht sich eine unpassende Lebensführung gar nicht oder eher spät bemerkbar. Die können rauchen, fluchen und rücksichtslose Entscheidungen treffen, während sie sich bester Gesundheit erfreuen. Auch ohne Sport zu treiben! Wie unfair ist das denn? 


Aber Krankeit ist keine Strafe oder Busse, die von irgendwoher kommt oder von jemandem abgetragen werden muss. Es gelten auch nicht die einfachen Gleichungen von Rückenweh = du hast dir zu viel Last aufgebürdet. Ohrenweh = willst du etwas nicht hören? Verstopfte Nase = wovon hast du die Nase voll?


In der schamanischen Arbeit, wie ich sie kenne, begegne ich durch einen Menschen nicht nur seiner Persönlichkeit, seinem Wesen,  sondern auch seinen Verwandten, Freunden, Nachbarn, ja sogar seinen Feinden, aber auch den Feinden, Leiden und Freuden derer, die ihm nahe stehen. Des weiteren begegne ich den Tieren, Pflanzen, Steinen, Ländern, Orten für die sein Herz schlägt – oder dagegen. Und das ist noch nicht mal alles. Ich begegne seiner Phantasie, den Bildern und Berichten, die er im Fernsehen oder in der Zeitung aufgeschnappt hat, und ich treffe auf Erzählungen, die ihn bewusst oder unbewusst beeinflussen. Kurz gesagt: jeder Mensch ist die ganze Schöpfung. Wenn man sich das mal so richtig überlegt und sich fragt, was das wirklich bedeutet, dann kommt man aus dem Staunen nicht mehr raus.


Und zu guter Letzt wage ich noch einen heiklen Gedanken auszuschreiben: Ist Krankheit immer etwas, das korrigiert werden sollte? Könnte es sein, dass es manchmal – also unter Tausenden von Möglichkeiten - auch etwas ist, das genau so wie es ist, gut ist?


Veröffentlicht im Magazin Spuren Frühling 2013

ORNARALSTON